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196 Seiten HC
Verlag: Huber, Frauenfeld; Auflage: 1 (2000)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3719312186
ISBN-13: 978-3719312183
Man darf vieles denken, aber nicht alles schreiben, was man über den Blocher-Clan äußern will. Dass diese Familie zuweilen am literarischen Leben teilnimmt und nicht nur am politischen, was mag es sein? Am Ende ist's ein innerer Antrieb, und die Causa, die verhandelt wird, die gleiche: die Schweiz. Andreas Blocher, mittlerweile pensionierter Mittelschullehrer, nimmt den Schweizer Lebensplan unter die Lupe. Und er breitet im Titel Der hölzerne Himmel gleich die Landkarte aus, auf der sich die Schweizer Seele bewegt. Man tut so, als lebe man im Paradies und vergisst darüber hinaus, dass es nicht nur eine Mitte gibt im Leben, sondern auch die Ränder. Aber wo Bewegung ist im Leben, stellt sich der Schweizer naturgemäß quer. Insofern ist Blocher ein literarischer Landvermesser, der die Koordinaten ausmisst, innerhalb derer die Schweizer an ihrem Lebensplan arbeiten.
Man darf von Andreas Blochers Essay halten, was man will. Man darf ihm eine verschmockte Sprache vorwerfen, in der Wörter zu Hause sind, die man, gelinde gesagt, nur mit Kopfschütteln zu lesen vermag... Zugleich entdeckt man in dieser barocken und vom theologischen Elternhaus geprägten Gedankenwelt auch Eigentümliches, quer Gedachtes -- und trotzdem taucht immer wieder das Gefühl auf, man hätte dieses und jenes schon einmal gelesen, zumindest aber auch schon für sich selber gedacht. Und natürlich ist auch ein Hinweis auf den Bruder und seine literarisch-intellektuellen Gegenpole zu finden, darunter der verstorbene Max Frisch. Man darf vor Andreas Blochers Buch die Augen schließen, ihn nicht zur Kenntnis nehmen wollen, hielte ich allerdings für ebenso fatal wie ungerecht -- zumal hier ein Autor mit großer Ernsthaftigkeit eine Analyse gewagt hat, deren Schlüsse man ja nicht zu teilen, mindestens aber zur Kenntnis zu nehmen hat. Entdeckungen lassen sich durchaus machen, und es ist besser mit einem Buch das zu tun, wozu es entstand: Es zu begreifen als eine Aufforderung zum Dialog, den man allerdings abbrechen kann, wenn man nicht weiter lesen will. Aber das Angebot sollte man leichtfertig nicht ausschlagen. --Carlo Bernasconi
Neue Zürcher Zeitung Keine Zukunft
für die Schweiz?
Über Lebenslüge und fehlende Führung
Die Schweiz sei dem Untergang geweiht, die Selbstauflösung im Gange, da die Schweizer einer Lebenslüge verhaftet seien. Zu diesem provokativen und eschatologischen Schluss kommt Andreas Blocher in einem virtuos, hin und wieder auch labyrinthisch geschriebenen politisch-philosophisch-psychologischen Essay. Die Absicht des Historikers, Pädagogen und Schriftstellers (u. a. «Mein Bruder Christoph», 1994) ist es, die Wahrheit über die Schweizer und ihr Land zu sagen, ihr Wesen zu ergründen, ihnen den Spiegel vorzuhalten – und er rechnet besonders mit der politischen und geistigen Führung schonungslos ab.
Die Schweizer zeichnen sich aus Blochers Sicht durch einen gemeinsamen Lebensplan aus, der jenem der stoischen Philosophie der Antike entspricht: Pragmatismus, Eigensouveränität, Selbstgenügsamkeit; man will das Leben bewerkstelligen, es umfassend im Griff haben. Das Leben spielt sich hier in der Mitte ab, dort findet man sich, dorthin führt der zum Kult erhobene Kompromiss, auch wenn er bloss ein fauler ist. Die Mitte entspricht letztlich dem Rückzug (Reduit) und der Abstinenz (Neutralität). Folge: Der Schweizer lebt nicht das wahre Leben, sein Lebensplan ist eine Lebenslüge, Selbsttäuschung. Ein zentraler Punkt ist die Kritik an den «Offiziösen», jenen, die dank ihrer Bildung (ab Maturität) und Fähigkeit zur Einsicht die Führungsschicht ausmachen, ihre Führungsverantwortung aber nicht wahrnehmen. Fazit des Autors und für ihn ein Kernproblem: In diesem Land ist keine echte Führung vorhanden. Zum Kreis der «Offiziösen» gehört die literarisch-kritische Opposition – im Fokus das Dreigestirn Frisch, Muschg, Bichsel –, über die ebenfalls der Stab gebrochen wird, denn sie habe trotz offenkundiger Schwäche der Schweizer Elite selbst nichts Besseres gesetzt.
Andreas Blochers Analyse des Schweizer Zustandes bringt viel schon Gesagtes und Behauptetes wieder – der Spiegel ist neu, das Gesicht das altbekannte. Ein alternatives Modell, einen Ausweg aus der «Lebenslüge» und vor dem Untergang kann und will der Autor nicht darlegen. Das Buch fordert zum Nachdenken heraus, lässt aber letztlich den Leser und Staatsbürger auf sich allein gestellt zurück.
Ernst Baumeler
ISBN-10: 3719312186
ISBN-13: 9783719312183
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